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Diese Version wird nach dem 11.04.2018 noch überarbeitet

Taktik oder trotteln

Immer wieder hört man von guten oder schlechten Jockeys. Alle Welt redet von einem guten Ritt, wenn der Jockey gewinnt. Ob der Zweite vielleicht einen viel besseren Ritt hinlegte, wer redet davon? Dann hört man immer wieder von schlechten Jockeys. Komisch ist, dass die schlechten Jockeys fast nie unter den ersten drei Platzierten sind. Wenn Sie es sind, dann maßt sich jeder an dies als guten Ritt zu bewerten. Damit wollen wir ein für alle Mal aufräumen! Wenn es nur so leicht wäre. 

Als Metapher nehmen wir einfach die Autostrecke Köln-Hamburg; von Rennbahnstraße zu Rennbahnstraße, 424 Kilometer. Wenn Sie mit einem vollen Tank von K nach HH fahren, ist die Frage des Verbrauches abhängig von der Geschwindigkeit. Je doller desto toller die Benzinrechnung. Der Porsche braucht so 110 Liter bei Vollgas, das 3-Liter-Auto eben nicht mal 13 Liter. Bei den heutigen Benzinpreisen ist die kostengünstigste Lösung gefragt: Wie erzielen Sie die für Ihr Auto günstigste Verbrauchssituation? Sie fahren so gleichmäßig wie es geht und dies im 5. Gang. Bei der ersten Fahrt haben Sie wohl noch vollgetankt und es wäre Ihnen egal, ob in HH der Tank noch 1 Liter oder 30 Restmenge hat. Trotzdem, bei etwa 2400 Umdrehungen oder ⅔? Geschwindigkeit – so sagt man – ist der geringste Verbrauch festzustellen. Also werden sie mit Ihrem 180 km/H schnellen Auto wohl 120 fahren. Wenn Sie den Tank leer fahren dürfen, dann würden Sie wohl schneller fahren, aber auf jeden Fall gleichmäßig plus Tempomat.

Nun münzen wir das ganze auf das Pferd um. Dass das Galopp-Renn-Pferd nur 3 Gänge hat, tut der Sache keinen Abbruch (Wussten Sie, dass es eine Pferdeart und nur eine – von über 100 – gibt, die mehr als 3 Gänge hat? Es ist das Island Pferd. Es kennt neben Schritt, Trab und Galopp auch Rennpass und Tölt). Nun was ist mit dem Benzin? Dass Benzin symbolisierte die Kraft. Das bedeutet also, dass der Jockey die individuelle Kraft (Kondition) des Pferdes so einteilen muss, dass es nicht einen Meter vor dem Ziel stehen bleibt, sondern möglichst genau in das Ziel kommt (mir sind immer noch die Bilder von Formel 1 Rennen im Kopf, bei denen die Autos wenige Meter vor dem Ziel aus Benzinmangel stehen blieben; OK, die heutige Technik lässt das vergessen, aber Pferde haben nun mal keine Technik, sieht man von dem ID-Chip ab). Der Jockey hat allerdings das Problem, das er eine Order umsetzen soll: vorne gehen oder mit Speed von hinten kommen. Bei Speed-Order ist es demnach gar nicht möglich eine insgesamt gleichmässige Fahrt hinzulegen, dass ein Geschwindigkeitswechsel stattfinden soll steht fest und er muss schon aus diesem Grunde das Pferd etwas weniger schnell laufen lassen, als es bei gleichmäßiger Fahrt könnte. Soweit scheint alles klar. Aber da ist nun noch der Rennverlauf.

Untersuchen wir die drei wesentlichen Phasen des Rennens: 
Startphase: Da sind ja noch andere Pferde, die stören doch beträchtlich! Schon am Start kann es passieren, dass der Jockey nicht sofort die gewünschte Position bekommt. Also muss er entweder die Taktik umwerfen oder etwas unternehmen, um die Wunsch-Position zu erhalten. Das kann wieder Tempowechsel bedeuten. Dies wirkt sich schon wieder auf die Dauergeschwindigkeit aus.

Dann die Rennphase: Nach spätestens 200 Metern hat sich das Feld formiert. Und schon wieder ist da ein Problem für den Jockeys. Hat das Feld genau die Geschwindigkeit, die er selbst mit dem Pferd gehen wollte? Wenn ja, dann wäre bis hierhin alles gut. Er kann dann nur noch hoffen, dass ein anderes Pferd nicht mehr im Tank hat, als sein Pferd (jetzt sehen Sie, warum ich diesen Begriff geprägt habe: „noch etwas im Tank haben“, das hat nichts mit Ulli Tank zu tun – gibt’s den eigentlich noch?).

Hat das Rennen eine andere Geschwindigkeit? Was tun sprach Zeus! Schnelles Rennen: Wenn das Rennen zu schnell wird, dann muss der Jockey – Order hin und Order her – eigenverantwortlich entscheiden, ob er „mitgeht“ oder sich nach hinten trollt, weil er glaubt, dass ihm in der Zielgeraden die Gegner „entgegenkommen“ – also nicht mehr können und sein Pferd diese dann mühelos passieren kann, weil er ihm Reserven (Benzin) bewahrt hat. 

Langsames Rennen: Das ist eine Rennart, die selbst die besten Jockeys in Deutschland absolut nicht beherrschen; heißt er nun Mundry, Carvalho, Vries, Suborics oder Starke (man beachte die Reihenfolge!). Es ist doch ganz klar, dass das langsame Rennen irgendwann schneller wird. Da hocken fast alle Jockeys dankbar in der gefundenen Position, ob vorn oder hinten und warten auf die Zielgerade. Doch erstens kommt es anders und zweitens als du denkst! Die Taktik kann nur heißen, Nerven bewahren und den Speed etwas früher als normal ansetzten und einen Satz machen. Diesen Satz machen, das beherrscht Starke vorzüglich! Allerdings ist das seine Taktik bei fast allen Rennen. Einen Satz bedeutet irgendwann einen mehr oder weniger großen Vorsprung herausholen, und dies so plötzlich, dass die Gegner nicht sofort reagieren können. Die gewonnen Meter muss der Zweite erst einmal wettmachen; vom Letzten ganz zu schweigen. Bei einem langsamen Rennen müsste normalerweise der Satz von einem hinteren Pferd kommen, damit kein Pferd vorne überraschen kann und damit allzu weit weg ist. Einen Satz machen, bedeutet aber auch enormer Kraftaufwand und Verschleiß! Besser wäre also für ein Pferd aus hinteren Regionen ein behutsames Heranrücken an die vorderen Pferde. Problem: die Kurven, denn wenn man überholt ist man meist außen postiert, außen in der Kurve bedeutet dann manchen Meter mehr als der Gegner. Dieses Rätsel lösen allerdings manche Jockeys recht gut (Helfenbein, Richter): Sie gehen aus hinteren Regionen weiter vor, wählen dann aber in der Kurve bald einen inneren Platz im Mittelfeld und hoffen auf eine Lücke...Was sehen wir bei langsamen Rennen in Deutschland? Die gehen bis Ende der Zielkurve meist ohne Positionsveränderung, das Tempo zieht meist in der Kurve noch an. Kaum in der Zielgeraden angekommen, gibt der von hinten Gas. Erst scheint er weiter zu kommen, aber die vorne sind ja auch total geschont. Können sogar später “Gas” (Benzin) geben und sind bald genau so schnell, nur immer noch vor den Angreifern. Ich raufe die Haare... Wieso merkt das keiner? Gottsei Dank ist diese Variante nur bei kleinen Feldern üblich und da wette ich meistens gar nicht oder im ersten Gang.

Normale Rennen: Die normalen Rennen sind die Rennen, die Trainer Jentzsch immer hat haben wollen. Da ging sein Pferd von „vorne“, macht das Tempo. Und wenn der Jockey es richtig taxiert, dann reicht der Tank bei möglichst hohem Tempo und ebenso möglichst gleichmäßiger Fahrt bis in das Ziel und keinen Meter weiter. Bei dieser Taktik ist ja klar, dass kein Gegner vorbeikommt, der nicht von vornherein besser ist, wenn das Tempo optimal gewählt ist. Die Rennkommentatoren reden vom „freien Tempo“. 

Das Finish! Die hohe Kunst des Rennreitens ist das Finish. Hier kommt es darauf an, dem Pferd ausreichend Hilfen anzubieten, dass es seinem natürlichen und antrainierten Fähigkeiten am nächsten kommt: so schnell wie möglich sein. Leider wird in Deutschland die Peitsche viel zu häufig eingesetzt (so auch die Kritik in der offiziellen Rennordnung!). Eine „Eisenhand“ wie damals Peter Remmert, gibt es kaum noch. Vielleicht Starke, am ehesten noch vergleichbar. Auch er kann, nur mit den Händen, genügend Druck ausüben, ein Reitstil der voll dem englischen entspricht. Natürlich gibt es auch im Mutterland des Turfs Ausnahmen. Rat-tat-tat-tat-tat, so die Schlagfolge von Legende Lester Piggot. 15 Schläge, in Deutschland ist die Schmerzgrenze der Rennleitung bei sieben Hieben. Leider haben viele Jockeys eher in breitbeiniges (Starke!) und zu aufrechtes Finishbild, die optimale Haltung haben hier Amerikaner, die flach auf dem Pferd liegen, den Kopf maximal so hoch wie der Pferdkopf, oft darunter, die Knie weit nach vorne gegen die Schulter gepreßt. Dennoch, wesentlich ist, dass man das Pferd unterstützt. Nicht mit Schlägen, weit ausholend die Peitsche fast schon im 90° Winkel auf die Hinterhand geschlagen, sondern mit leichter Hand (einige Engländer können die Peitsche im Endkampf drehen wie der Kappelmeister einer Marschkappelle den Dirigentenstab) am Kopf vorbei und mit der Hand nicht über Schulterhöhe im spitzen Winkel über das Fell der Hinterhand geführt, eher ein Wischen als ein Schlagen; im Galopprhythmus am Kopf vorbei und nach hinten geschwungen. Die Hände im Galopptakt auf dem Pferdehals kräftig nach unten drückend. Leider sieht man viel zu oft Reiter(innen) die sich eher an der Mähne festzuhalten scheinen, als das Pferd zu treiben. Erinnert mich an meine erste Erfahrung mit dem Pferd über Hindernisse.

Das Finish will gut vorbereitet sein! So heißt es noch vor erreichen der Zielgeraden eine Position zu suchen, die ein ungestörtes Finish ermöglicht. Dieses ist nicht so leicht getan wie gesagt. Man denke nur an die Bilder aus Bremen, wenn der Boden nicht gerade gut, dann drängt alles nach außen und selbst der Letzte will noch weiter nach außen und findet alles versperrt. Gute Lösung übrigens in Köln: Dort ist der Ziel-Bogen etwa weiter ausgesteckt (versetzte Rails), so dass die Pferde in der Kurve ganz innen liegend bei Erreichen der Zielgeraden in der 4, 5 Spur steht.. Nun ist innen (und außen) genügend Platz für die Gegner! Ein wenig erinnert mich die Vorbereitung des Finish an das Zahlenspiel „100 gewinnt“. Der Starter sagt eine Zahl von 1 bis 9, der Gegner erhöht um mindestens 1 und höchstens um 9. Wer 100 sagen kann, gewinnt. Da beginnt die Taktik nicht bei 90, sondern schon bei 1, 2, 3 oder 9! So hat der Jockey auch das Problem: gehe ich hier nach innen, kommt außen der Gegner; wenn der vor mir nicht weiter geht, sitze ich fest. Gehe ich nicht, dann geht der andere innen durch und hat den kürzeren Weg und vielleicht freie Bahn.... 

Tja, so sollten wir nun alle mal die Rennen sehen. Sicher, auch ich schimpfe mal, über ein Mädchen, einen Azubi oder über Andrasch. Aber in aller Regel sehe ich die Probleme und muss akzeptieren, es ging nicht anders oder er konnte nicht. Vielleicht konnte ich Ihnen helfen, die Jockeys nun anders zu sehen. Nicht mit den Augen des Wetters, sondern des Enthusiasten! 

Resümee: Einen guten Jockey erkennt man daran, dass er die Order nicht blind umsetzt, sondern dem Rennverlauf anpaßt. Eben erkennt, dass das Tempo zu schnell und nicht ganz vorne mitmischt. Oder merkt, es ist zu langsam und sich vorne festsetzt. Die Nerven behält und den kurzen und inneren Weg sucht; eher riskiert sich innen festzurennen als aussen entscheidende Meter zu verlieren bei fast leerem Tank. Und dann sollte, nein, er muss wissen: Ein Rennpferd erreicht seine Höchstgeschwindigkeit nur einmal im Rennen!

Auch ein Wort an die Trainer: ist schon mal aufgefallen, wie oft ein Speedpferd seinen extremen Speed bringt? Fünfmal, sieben Mal? Aber kaum 20 Mal. Da ist ein Pferd, welches von vorne geht, viel öfter “dabei”. Ist ein solches Pferd härter oder geschonter? Liebe Frau R., (sie weiß schon, dass ich sie meine), ein Pferd ist eher ein Galoppierer als ein Speedy. Und T.......... erst Recht, das Pferd geht am besten vorne und macht kurz vor der Geraden einen Satz. Dann klappt das auch mit den Siegen.

1000 Meter geradeaus ist das schwerste was man als Reiter vorfinden kann. Da es keinen Fixpunkt (Beginn der Zielgerade) gibt, kommt es immer dazu, dass der eine oder die andere Reiterin die Nerven verliert und lossprintet. Was soll der andere Jockey machen? Warten? Oder hat der erste Jockey richtig taxiert? Man muß sich das so vorstellen: Du fährst einen Ferrari (wie im richtigen Leben hofffe ich) und hast so wenig wie nötig Sprit im Tank. Hast also etliche Testfahrten gemacht und die Techniker berechnen aufgrund durchschnittlichem Verlauf der Testfahrten X Liter plus 100 ccm Reserve. Nun fährst Du im Rennen los mit 70% Leistung. Nach 250 Meter gibt ein Gegner Gas. Dein Problem ist, das jede Testfahrt, jedes Rennen einen andere Geschwindigkeit hat und es nicht klar ist, ob das Benzin reicht - bei dem Gegner oder bei Dir. Vielleicht kalkulierst Du, dass der Gegner vor dem Ziel stehen bleibt und willst noch 40 Meter warten. Da geht der nächste los. Und der Dritte. Hast Du gute Nerven? Optimaler Weise sollte Dein Tank genau im Ziel leer sein, aber auf keinem Fall einen Meter vorher - dann lieber 7 Meter hinter dem Ziel. Du bleibst bei Deinem Plan und kommst nach 40 Metern (Deine Frau wird sich freuen...Tschuldigung, mußte raus). Ja wie geht es aus?
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